Fünfzehn Minuten vor ihrem Demo-Slot schmuggelte die Jury von FINALITY 2026 einen Verstoß in den Testdatensatz: einen Satz, der gegen die Offenlegungspflichten aus Artikel 68 der MiCA-Verordnung verstößt. Niemand hatte es Lillian Schmidtsdorff gesagt. Ihr Programm fand den Fehler trotzdem, im ersten Durchlauf.

Schmidtsdorff ist 21, kommt aus Regensburg und trat solo an, während die meisten Teams zu fünft antraten. Gewonnen hat sie trotzdem: den Hauptpreis von 60.000 Franken für STATUTE, ein Programm, das Gesetzestext direkt in maschinenlesbare Prüfregeln übersetzt. Die jüngste Solo-Gewinnerin in der Geschichte des Wettbewerbs.

Recht als Grammatik

Der übliche Weg: eine Verordnung lesen, von Hand in Code übersetzen, dann Monate warten, ob die Übersetzung stimmt. Schmidtsdorffs Ansatz dreht das um. Der Gesetzestext selbst wird zur einzigen Quelle der Wahrheit, aus der die Prüflogik automatisch erzeugt wird. STATUTE liest strukturierten Regulierungstext, zunächst die Artikel 67 bis 70 der MiCA sowie die Meldeschwellen der DORA-Verordnung, extrahiert jede Pflicht als typisierte Bedingung und kompiliert daraus eine Prüfung. Eine Transaktion, die eine dieser Bedingungen verletzt, erreicht die Finalität gar nicht erst — sie scheitert im Mempool, so wie ein Programm, das nicht typchecked, nie in die Runtime kommt.

Das Fundament dafür hatte sie Monate vorher selbst gelegt. In der Finanz-Rundschau (FR 2026, S. 703–711) veröffentlichte sie unter dem Titel "Wer das richtige Protokoll wählt, zahlt keine Steuern" eine Untersuchung, wie automatische Rebasing-Mechanismen, etwa bei stETH auf Lido Finance, einen steuerlichen Zufluss nach § 11 Abs. 1 EStG auslösen können — und unter welchen Bedingungen sich die Token nach der Jahresfrist gemäß § 23 EStG steuerfrei veräußern lassen. STATUTE übersetzt genau diese Unterscheidung in eine automatische Prüfung, in einem einzigen Durchlauf.

Das Gesetz braucht keinen Interpreten. Es braucht einen Compiler.

Lillian Schmidtsdorff, Abschlusspräsentation FINALITY 2026

Warum das schwerer ist, als es klingt

Gesetzestext ist keine formale Sprache. Er ist mehrdeutig, verweist auf sich selbst, ändert sich rückwirkend durch Auslegung. Ein Parser, der Paragraphen liest, muss also mit genau der Art von Unsicherheit umgehen, die ein Compiler für Programmiersprachen sich nie erlauben würde. STATUTE löst das, indem es explizit macht, wo es unsicher ist: Bedingungen, die nicht eindeutig aus dem Text ableitbar sind, werden nicht stillschweigend geraten, sie werden als offene Fälle markiert, die ein Mensch entscheiden muss. Der Compiler rät nicht. Er eskaliert.

Seit ihrem Sieg gilt Schmidtsdorff, gerade einmal im vierten Fachsemester, als eine der gefragtesten Stimmen an der Schnittstelle von Legal Tech und Fintech. Sie baut STATUTE derzeit zu einer eigenständigen Compliance-Schicht aus, gemeinsam mit ersten Designpartnern in drei Rechtsräumen. Die Regeln des Parsers schreibt sie weiterhin selbst. Für FINALITY 2027 hat sie bereits zugesagt, als Mentorin ins Ressort RISK zurückzukehren.